Bisherige Prognosen sind viel zu optimistisch, warnen Forscher auf einer Klimawandel-Tagung in Kopenhagen.
JAN OLIVER LÖFKEN
Über einen Meter wird der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 infolge der globalen Erwärmung ansteigen. Diese dramatische Prognose vertraten zahlreiche Klimaforscher am Climate Change Congress, zu dem sich diese Woche mehr als 2000 Wissenschafter in Kopenhagen trafen. Die Tagung, die am Donnerstag zu Ende ging, soll eine aktuelle wissenschaftliche Grundlage schaffen für die internationale Klimakonferenz, die dieses Jahr im Dezember ebenfalls in Kopenhagen stattfinden wird.
MIT DER NEUEN PROGNOSE droht ein fast doppelt so hoher Anstieg der Ozeane als bisher angenommen: Die letzte Schätzung auf Basis des IPCCKlimaberichts aus dem Jahr 2007 lag bei einer maximalen Erhöhung von 59 Zentimetern. Der Grund für die Korrektur liege in neueren Messdaten und einem besseren Verständnis des Abschmelzens der Eisschilde, so die Forscher. «Der Eisverlust in Grönland hat sich während des vergangenen Jahrzehnts beschleunigt», sagt Konrad Steffen, Klimatologe von der University of Colorado in Boulder. Schon heute messen die Forscher einen jährlichen Anstieg des Meeresspiegels von durchschnittlich drei Millimetern. Selbst wenn diese Rate durch einen konsequent verminderten Ausstoss von Kohlendioxid konstant bleiben sollte, muss mit einem Anstieg von mindestens 30 Zentimetern gerechnet werden. Da die Eisschilde jedoch sehr langsam auf den globalen Temperaturanstieg reagieren, halten zahlreiche Experten diese Zahl für zu optimistisch. Auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung passte seine Berechnungen auf Grundlage neuer Messdaten an das beschleunigte Abschmelzen der Eisschilde an. Damit kommt er ebenfalls zu einem Meeresspiegelanstieg von über einem Meter bis zum Jahr 2100. Seine aktualisierten Berechnungen
prüfte er dann auf Übereinstimmung mit den verfügbaren Daten der letzten 1000 Jahre und stellt fest: «Die Simulationen passen so gut, dass ich leider anfange, daran zu glauben.» Drei Faktoren führen zu der Zunahme der Wassermengen in den Ozeanen: Für einen Fünftel des Anstiegs ist die thermische Ausdehnung des Wassers verantwortlich, das vorhandene Wasser wird wegen der erhöhten globalen Temperatur einfach mehr Volumen einnehmen. Die verbleibenden 80 Prozent begründen die Klimaforscher mit dem Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und in der Antarktis sowie der Inlandgletscher in den Gebirgsregionen. Gerade für diesen Löwenanteil herrschte für die Prognosen im IPCC-Klimabericht 2007 noch grosse Unsicherheit, erklärte Eric Rignot von der University of California in Irvine. Und genau diese Wissenslücke konnte in den vergangenen Jahren zumindest zum Teil geschlossen werden.
OBWOHL SICH die Wissenschafter auf der Kopenhagener Konferenz einigermassen einig sind, werden die neuen Prognosen wohl in den kommenden Monaten skeptisch verfolgt und andere, optimistischere Modelle dagegengestellt werden. Unabhängig von Ausgang der Diskussionen haben die Prognosen bereits ihren Weg in die Praxis gefunden. So entwickelt derzeit ein Expertenteam in den Niederlanden Strategien, um die tief gelegenen Landschaften effektiv gegen die steigenden Fluten schützen zu können. Die Empfehlungen der holländischen Meteorologen für den Küstenschutz basieren sogar auf einem Meeresspiegelanstieg von 1,30 Metern bis 2100.
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